eine ökonomische Annäherung
Als ich neulich im Zug sass, wurde ich zufällig zur Mitwisserin eines Geheimnisses.
Eine Gruppe Jungs plante, was sie im kommenden Schullager alles anstellen wollten. Dabei war ihnen eines besonders wichtig: Niemand durfte etwas verraten.
Der eine schwieg, weil es seine Idee war. Der andere hielt dicht, weil er sich sonst selbst verraten hätte. Und ein dritter versprach Stillschweigen, weil er das nötige Material beigesteuert hatte.
Wenn alles so läuft wie meistens bei Geheimnissen unter Kindern...
... dann hat am Ende mindestens einer geplaudert.
Kapitel 1
Das Beispiel zeigt, wie schnell ein Geheimnis keines mehr ist. Hier ist das noch harmlos. Für Unternehmen jedoch kann der Verlust eines Geschäftsgeheimnisses schwerwiegende Folgen haben, etwa wenn sie einen wichtigen Wettbewerbsvorteil verlieren.
Trotzdem setzen viele Unternehmen auf Geschäftsgeheimnisse, beispielsweise bei Herstellungsverfahren, Rezepten oder Quellcodes. Die Gründe dafür sind vielfältig:
Als Geschäftsgeheimnisse gelten gemeinhin vertrauliche Informationen, die einen wirtschaftlichen Wert haben. Aus juristischer Sicht ist unter anderem relevant, dass das Unternehmen ein berechtigtes Geheimhaltungsinteresse sowie einen Geheimhaltungswillen hat und Massnahmen zum Schutz der Informationen ergreift, etwa durch organisatorische Vorkehrungen.
Kapitel 2
Grafik 1: Umfrageteilnehmende in einer Studie aus Singapur geben an, dass Geschäftsgeheimnisse für Ihre Organisation wichtig sind.
Studien zeigen, dass Geschäftsgeheimnisse ein oft genutztes Schutzinstrument von innovativen Unternehmen sind.
In einer Umfrage aus Singapur im Jahr 2021 nannten 75% der Teilnehmenden Geschäftsgeheimnisse als wichtigstes geistiges Eigentumsrecht für ihr Unternehmen. Patente wurden ebenfalls als wichtig angesehen, landeten aber erst auf dem vierten Rang (Grafik 1).
In einer Studie aus dem Jahr 2017 geben fast die Hälfte der Befragten Unternehmen an, dass Geschäftsgeheimnisse wichtiger sind als Patente und Marken. Sogar gut zwei Drittel der befragten Unternehmen geben an, dass die Bedeutung in Zukunft, auch aufgrund der technologischen Entwicklungen, noch zunimmt.
Eine Studie aus dem Jahr 2023 zeigt, dass rund 80% der Unternehmen, die patentierbare Erfindungen hervorbringen könnten, keine Patentanmeldungen machen. Aber mehr als 90% der Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten werden in Unternehmen mit mindestens einer Patentanmeldung getätigt.
Kapitel 3
Zitat 1: Ergebnis aus einer Studie durchgeführt vom Intellectual Property Office of Singapore, 2021.
Damit geheime Prozesse, Rezepte oder Daten nicht an Mitwettbewerber gelangen, braucht es Massnahmen zum Schutz von Geschäftsgeheimnissen. Solche werden denn auch von vielen Unternehmen ergriffen (Zitat 1).
Schutzmassnahmen zu treffen, ist empfehlenswert. Denn eine Studie aus dem Jahr 2014 kalkuliert, dass durch die widerrechtliche Nutzung von Geschäftsgeheimnissen jährlich ein Schaden von bis zu 3% des BIP entsteht. Gerechnet auf die Schweiz sind das ca. 23 Milliarden Schweizer Franken.
Solche Schutzmassnahmen, beispielsweise IT-Sicherheit, Prozessanpassungen oder Geheimhaltungsverträge verursachen zwar Kosten, sind aber oft bereits Teil existierender Sicherheitspraktiken. Daher gelten Geschäftsgeheimnisse als eher kostengünstige Strategie, geistiges Eigentum zu schützen.
Zusätzlich sind Geschäftsgeheimnisse mit indirekten Kosten verbunden. Diese entstehen, weil der Zugang zu Wissen eingeschränkt wird. Das kann sich negativ auf die Unternehmenskultur auswirken und so die Innovationsfähigkeit des Unternehmens hemmen.
Kapitel 4
Sind Geschäftsgeheimnisse gut oder schlecht?
Für Unternehmen lohnt sich der Schutz von geistigem Eigentum durch Geschäftsgeheimnisse, wenn der Gewinn abzüglich der Geheimhaltungskosten höher ist als bei keiner oder einer alternativen Schutzform.
Auf gesellschaftlicher Ebene zeigt sich ein differenzierteres Bild:
Trotz der Einschränkungen für das Innovationsökosystem bieten Geschäftsgeheimnisse Unternehmen eine wirksame Möglichkeit, ihre Innovationen zu schützen. Innovative Akteure sollten daher die Chancen und Risiken dieses Schutzinstruments kennen und es, wenn sinnvoll in ihre Schutzstrategie einbeziehen.
Literatur
de Rassenfosse, Gaétan (2025). What proportion of knowledge is patented?
Intellectual Property Office in Singapore (2021). Study on the Protection and Management of Trade Secrets in Singapore
Baker McKenzie (2017). The Board Ultimatum: Protect and Preserve. The rising Importance of Safeguarding Trade Secrets
Mezzanotti, Filippo und Timothy Simcoe (2023). Innovation and appropriability: Revisiting the Role of Intellectual Property
pwc (2014). Economic Impact of Trade Secret Theft: A framework for companies to safeguard trade secrets and mitigate potential threats
Risch, Michael (2007). Why Do We Have Trade Secrets?
Searle, Nicola (2021). The Economic and Innovation Impacts of Trade Secrets
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